Tourette-Syndrom: Cannabis als Therapieoption
Tourette-Syndrom: Cannabis als Therapieoption
Autor
Redaktion Releaf
Was das Tourette-Syndrom ist, wie es behandelt werden kann und ob medizinisches Cannabis Tics lindern kann
Zur Linderung der Tics, die im Rahmen des Tourette-Syndroms auftreten, stehen zwar verhaltenstherapeutische und medikamentöse Verfahren zur Verfügung, diese sind jedoch nicht in allen Fällen ausreichend wirksam oder mit Nebenwirkungen verbunden. Medizinisches Cannabis kann bei einigen Betroffenen eine ergänzende Option sein, wobei die Studienlage noch nicht eindeutig ist.
Was ist das Tourette-Syndrom?
Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Entwicklungsstörung, die im Kindesalter beginnt und durch das gleichzeitige Auftreten motorischer und vokaler Tics gekennzeichnet ist, die in Häufigkeit und Ausprägung stark variieren. Dabei beruht das Störungsbild auf veränderten neurobiologischen Regelkreisen der Bewegungs- und Impulskontrolle.
Seinen Namen trägt das Syndrom nach dem französischen Neurologen Georges Gilles de la Tourette, der die Erkrankung im Jahr 1885 erstmals beschrieb. Er erkannte, dass die Kombination aus motorischen und vokalen Tics ein eigenständiges neurologisches Krankheitsbild darstellt.
Was sind die Ursachen des Tourette-Syndroms?
Das Tourette-Syndrom entsteht meist durch biologische Veranlagung und begünstigende Umweltfaktoren. Die Forschungslage ist dabei am stärksten für genetische und neuroentwicklungsbezogene Mechanismen, während immunologische Hypothesen teils umstritten sind.
- Genetische Veranlagung: Studien sprechen dafür, dass die Anfälligkeit für das Tourette-Syndrom in erheblichem Maß vererbt wird. Dabei tragen viele genetische Varianten jeweils kleine Effekte bei, die sich in Summe zu einem erhöhten Risiko addieren
- Neuroentwicklung: Beim Tourette-Syndrom werden häufig Funktions- und Strukturauffälligkeiten in den Verbindungen zwischen Großhirnrinde, Basalganglien und Thalamus beschrieben, die für das Filtern und Stoppen von Handlungsimpulsen zentral sind. Neurochemisch werden Systeme diskutiert, die die Signalübertragung in diesen Netzwerken modulieren (u. a. dopaminerge, GABAerge und glutamaterge Mechanismen). Vermutlich beeinflussen mehrere Botenstoffsysteme zusammen die Reizverarbeitung und Impulskontrolle
Immunologische und infektiologische Hypothesen: Bei einem Teil der Betroffenen könnten immunologische Prozesse eine Rolle spielen. Nach einer Infektion mit bestimmten Streptokokken bildet das Immunsystem Antikörper, die nicht nur die Bakterien, sondern irrtümlich auch Gehirnstrukturen angreifen. Betroffen sein könnten dabei Hirnregionen, die an der Bewegungssteuerung, Impulskontrolle und Zwangsverhalten beteiligt sind. Das Tourette-Syndrom als Ganzes lässt sich damit nicht erklären, und falls es immunvermittelte Subtypen gibt, sind sie wahrscheinlich nicht die Regel, sondern eher eine Seltenheit
Welche Symptome löst das Tourette-Syndrom aus?
Die neuropsychiatrische Entwicklungsstörung wird durch motorische und vokale Tics bestimmt, die unwillkürlich, plötzlich und wiederholt auftreten und stark in Art, Häufigkeit und Intensität variieren.
- Motorische Tics sind kurze Bewegungen (z. B. Blinzeln, Kopfrucken) oder komplexere, scheinbar zielgerichtete Handlungen.
- Vokale Tics reichen von einfachen Lauten wie Räuspern oder Schniefen bis zu komplexen Wortäußerungen. Bei einer Minderheit der Betroffenen kommt es auch zur Koprolalie (zwanghafter, unwillkürlicher Gebrauch von vulgären Wörtern oder obszönen Ausdrücken).
Viele Betroffene verspüren vor einem Tic eine innere Spannung (prämonitorische Empfindungen), die durch den Tic kurzfristig gelindert wird. Tics können zeitweise bewusst unterdrückt werden, was jedoch anstrengend ist und häufig zu einer späteren Zunahme führt.
Die Symptome beginnen nahezu immer im Kindesalter, meist mit einfachen motorischen Tics. Der Verlauf ist fluktuierend; bei einigen Betroffenen nehmen die Tics im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter ab.
Häufig bestehen Begleitsymptome wie Aufmerksamkeitsprobleme oder Zwangssymptome, die die Lebensqualität stärker beeinträchtigen können als die Tics selbst. Stress und emotionale Anspannung können die Tics verstärken, während Konzentration oder Entspannung sie vorübergehend mindern.
Wie wird das Tourette-Syndrom behandelt?
Die Behandlung des Tourette-Syndroms richtet sich nach dem individuellen Leidensdruck, nicht allein nach der Anzahl oder Sichtbarkeit der Tics. Dabei ist das Ziel die Symptomlinderung und funktionelle Entlastung, nicht die vollständige Unterdrückung aller Tics.
Bei milden Symptomen genügt häufig eine sachliche Aufklärung über die Natur der Tics sowie eine regelmäßige Verlaufskontrolle. Da Tics bei vielen Betroffenen im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter abnehmen, ist ein zurückhaltendes Vorgehen medizinisch sinnvoll, sofern Alltag, Schule oder Beruf nicht wesentlich beeinträchtigt sind.
Als wirksamste nicht-medikamentöse Therapie gilt die verhaltenstherapeutische Tic-Behandlung, vor allem das Habit Reversal Training (HRT) sowie die Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT). Diese Verfahren zielen darauf ab, prämonitorische Spannungen frühzeitig wahrzunehmen und durch konkurrierende, weniger auffällige Reaktionen zu ersetzen. Die Wirksamkeit ist gut belegt, insbesondere bei ausreichender Therapiedauer und Motivation.
Einsatz von Medikamenten beim Tourette-Syndrom
Medikamente kommen zum Einsatz, wenn Tics schmerzhaft, sozial stark beeinträchtigend oder funktionell einschränkend sind. Eingesetzt werden vor allem Dopamin-modulierende Substanzen (z. B. Antipsychotika in niedriger Dosierung) und in ausgewählten Fällen weitere Wirkstoffe mit Tic-dämpfender Wirkung.
Warum das Endocannabinoid-System beim Tourette-Syndrom relevant sein könnte
Als körpereigenes Regulationsnetzwerk ist das Endocannabinoid-System (ECS) unter anderem an der Bewegungssteuerung, Reizfilterung, Stressverarbeitung und Lernprozessen beteiligt. Gerade weil beim Tourette-Syndrom jene Hirnnetzwerke betroffen sind, die Impulse und Bewegungen „dämpfen“ bzw. „freigeben“, wurde bereits untersucht, ob das ECS an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Tics mitverantwortlich sein könnte.
Die wichtigsten Cannabinoid-Rezeptoren, vor allem der Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1) ist im Gehirn stark vertreten, auch in den Basalganglien und verbundenen Schleifen, die für motorische Kontrolle und die Unterdrückung unerwünschter Handlungsimpulse zentral sind.
Daraus ergibt sich eine plausible Verbindung zu Tics, denn das ECS wirkt dort wie ein Feinregler, der die Freisetzung anderer Botenstoffe (u. a. Dopamin, GABA, Glutamat) modulieren kann. Entsprechend wird diskutiert, dass eine Störung der ECS-Signalgebung entweder zur Tic-Neigung beiträgt oder dass das System kompensatorisch gegen eine Übererregbarkeit gegensteuert
Die wichtige Rolle von Endocannabinoiden
Endocannabinoide sind körpereigene Cannabinoide, die der Körper bei Bedarf bildet und genau wie die Cannabinoide Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) aus der Cannabispflanze an die Cannabinoid-Rezeptoren binden.
In einer Studie wurden bei Erwachsenen mit dem Tourette-Syndrom die Konzentrationen der Endocannabinoide (u. a. Anandamid und 2-AG) untersucht und veränderte Werte im Vergleich zu Kontrollen beschrieben. Das spricht dafür, dass das ECS bei Tourette nicht nur theoretisch, sondern messbar anders reguliert sein kann.
Studien zu medizinischem Cannabis beim Tourette-Syndrom
In verschiedenen Studien wurden THC-haltige oder THC/CBD-kombinierte Präparate eingesetzt, um zu untersuchen, ob eine gezielte Beeinflussung des ECS Tics verändern kann.
- Frühe Untersuchungen mit THC zeigen eine Reduktion von Tics (und teils Zwangssymptomen) bei Erwachsenen. Allerdings nahmen an den Studien nur wenige Proband:innen teil
- Neuere Studien untersuchten beispielsweise vaporisierte Cannabisprodukte und fanden Tic-relevante Effekte.
- In einer weiteren größeren Studie erhielten Proband:innen Nabiximols (THC/CBD-Mundspray) und es zeigten sich deutliche Tendenzen zur Verbesserung von Tics und Lebensqualität
Studien berichten neben möglicher Tic-Besserung auch unerwünschte Effekte wie Benommenheit, verlangsamtes Denken, Gedächtnis- oder Konzentrationsprobleme, die insbesondere im Alltag (Schule/Beruf/Verkehr) relevant sein können
Daraus folgt, dass selbst wenn das ECS ein therapeutisches Ziel sein kann, bleibt die Anwendung cannabinoidbasierter Medikamente eine Nutzen-Risiko-Abwägung und es muss fachärztlich abgeklärt werden, ob Cannabis auf Rezept sinnvoll ist.
Zusammenfassung
Die neurologisch-psychiatrische Entwicklungsstörung Tourette beginnt meist im Kindesalter und äußert sich durch wiederkehrende motorische und vokale Tics. Ursache sind komplexe Veränderungen in den neuronalen Netzwerken, die Bewegungen und Impulskontrolle steuern. Dabei kann die Ausprägung der Symptome stark schwanken; häufig treten zusätzlich Begleiterscheinungen wie Aufmerksamkeitsprobleme oder Zwangssymptome auf.
Die Behandlung orientiert sich in erster Linie am individuellen Leidensdruck. Neben Aufklärung und Verlaufskontrolle gelten verhaltenstherapeutische Verfahren als zentrale Therapieansätze. Bei stärker ausgeprägten Beschwerden können zusätzlich Medikamente eingesetzt werden.
In den letzten Jahren rückt auch das Endocannabinoid-System stärker in den Fokus der Forschung. Da dieses System an der Regulation von Bewegungsabläufen und neuronalen Signalen beteiligt ist, wird untersucht, ob Cannabinoide wie THC oder CBD einen Einfluss auf Tics haben könnten. Erste Studien zeigen Hinweise auf mögliche Verbesserungen, allerdings ist die Datenlage bislang begrenzt. Deshalb gilt medizinisches Cannabis derzeit vor allem als ergänzende Therapieoption für ausgewählte Patientinnen und Patienten und sollte ausschließlich unter ärztlicher Begleitung eingesetzt werden.
Hinweis: Der Inhalt dieses Artikels dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung. Auch stellt er weder eine Empfehlung zur Anwendung von Cannabis dar, noch ist mit ihm ein Versprechen einer bestimmten Wirkweise oder Heilungsform verbunden. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität des Inhalts wird keine Haftung übernommen.
Häufige Fragen
Kann medizinisches Cannabis Tics beim Tourette-Syndrom lindern?
Studien deuten darauf hin, dass medizinisches Cannabis bei einigen erwachsenen Betroffenen zu einer Verringerung von Tic-Häufigkeit oder -Intensität führen kann. Die Effekte sind jedoch nicht einheitlich und die Studienlage insgesamt noch nicht eindeutig. Daher lässt sich kein verlässlicher Nutzen für alle Betroffenen ableiten.
Wie wirkt medizinisches Cannabis beim Tourette-Syndrom?
Medizinisches Cannabis beeinflusst das Endocannabinoid-System, das an der Bewegungs- und Impulskontrolle beteiligt ist. Vermutet wird eine modulierende, tic-dämpfende Wirkung auf überaktive neuronale Netzwerke. Die Wirkung ist symptomatisch und nicht ursächlich.
Ist medizinisches Cannabis eine anerkannte Therapie beim Tourette-Syndrom?
Medizinisches Cannabis ist keine etablierte Standardtherapie und nicht als Erstlinientherapie anerkannt. Es kann allenfalls als ergänzende Option bei ausgewählten Erwachsenen mit hohem Leidensdruck erwogen werden. Voraussetzung ist eine sorgfältige ärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung.
Kann medizinisches Cannabis andere Tourette-Medikamente ersetzen?
Medizinisches Cannabis kann keine bewährten verhaltenstherapeutische oder medikamentöse Behandlungen ersetzen, sondern kommt – wenn überhaupt – zusätzlich oder nach deren Versagen infrage.
Autoren
Redaktion Releaf
Die Redaktion von Releaf besteht aus erfahrenen Medizin- und Gesundheitsredakteur:innen, die sich auf das Thema medizinisches Cannabis spezialisiert haben. Unsere Artikel werden auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, klinischer Leitlinien und regulatorischer Vorgaben erstellt – damit du fundierte und verlässliche Informationen erhältst.
redaktionelle Richtlinien
Alle unsere Artikel werden von Expert:innen für medizinisches Cannabis verfasst. Dabei folgen wir strengen Richtlinien zur Quellenrecherche und verweisen auf begutachtete Studien sowie seriöse wissenschaftliche Publikationen. Unser klinisches Expertenteam und unsere Compliance-Spezialist:innen liefern bei Bedarf wertvolle Fachbeiträge, um die inhaltliche Genaugigkeit sicherzustellen.
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Verwandte Artikel
Entdecke hilfreiche Einblicke zu Gesundheit, Wohlbefinden und medizinischem Cannabis in unserem Blog.


