Cannabis bei ADHS: Was hilft wirklich?
Cannabis bei ADHS: Was hilft wirklich?

Autor
Lea Hauke

Wenn du mit ADHS lebst, kennst du wahrscheinlich das Gefühl, ständig zwischen Konzentration und Ablenkung zu pendeln. Was für andere nach einer einfachen Aufgabe aussieht, kann im Alltag schnell zur Herausforderung werden. Medikamente, Verhaltenstherapie oder Coaching helfen vielen Menschen, aber nicht jede Behandlung wirkt gleich gut oder wird gut vertragen.
Deshalb wächst das Interesse auch an neuen Therapieansätzen wie medizinischem Cannabis. Doch kann Cannabis die Symptome wirklich lindern oder sind die Erwartungen größer als die wissenschaftlichen Erkenntnisse? In diesem Artikel erfährst du, was die aktuelle Forschung dazu sagt.
ADHS verstehen: Definition und Symptome
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und das Aktivitätsniveau beeinflussen kann. Die Symptome zeigen sich meist bereits in der Kindheit. Wie stark sie den Alltag beeinträchtigen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Kernsymptome und Auswirkungen auf den Alltag
Obwohl sich ADHS nicht bei allen Menschen auf die gleiche Weise äußert, gibt es drei Kernsymptome, die für die Erkrankung typisch sind. Dazu gehören: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Allerdings muss nicht jedes Symptom gleich stark ausgeprägt sein. Manche Betroffene kämpfen vor allem mit Konzentrationsproblemen und Vergesslichkeit, andere erleben eine ständige innere Unruhe oder handeln häufig spontan, ohne lange nachzudenken.
Im Alltag kann das ganz unterschiedlich aussehen. Manche Menschen tun sich schwer damit, Termine einzuhalten, neigen dazu, Aufgaben zu beginnen und nicht fertigzustellen oder zu prokrastinieren. Viele Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihren Tag zu strukturieren oder sich über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Hinzu kommen oft emotionale Herausforderungen wie Frustration, Reizbarkeit oder Probleme, Gefühle zu regulieren. Das kann den Beruf, Beziehungen und viele andere Lebensbereiche belasten.
Auch Ausprägungen ohne Hyperaktivität sind möglich. Hier spricht man dann von ADS. Betroffene wirken dabei oft wie “stille Träumer”, neigen ebenfalls dazu, unorganisiert zu sein und erleben dieselben Gedankensprünge, die Menschen mit ADHS aufweisen. Oft haben sie größere Schwierigkeiten, eine Diagnose zu erhalten, da sie als weniger auffällig gelten.
Bei allem Leidensdruck bringt ADHS jedoch nicht nur Symptome mit sich, die als negativ empfunden werden. Viele Betroffene berichten auch von Eigenschaften wie einer stark ausgeprägten Kreativität, Spontaneität oder der Fähigkeit, sich bei großem Interesse besonders intensiv mit einem Thema zu beschäftigen.

Neurobiologie und Dopamin
Nach dem heutigen Wissensstand entsteht ADHS wahrscheinlich aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren wie der genetischen Veranlagung, bestimmten Einflüssen während der Schwangerschaft und Geburt sowie sozialen Prägungen.
Forschende haben außerdem untersucht, wie sich Gehirn und Nervensystem bei Menschen mit ADHS von Menschen ohne diese Erkrankung unterscheiden. Dabei zeigen viele Studien, dass unter anderem die Verfügbarkeit der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin verändert sein kann. Diese beiden Botenstoffe sind wichtig für Funktionen wie Motivation, Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und Impulskontrolle, also den Bereichen, die vielen Menschen mit ADHS im Alltag Schwierigkeiten bereiten.
Daneben wurden in Studien auch Unterschiede in der Aktivität bestimmter Hirnregionen sowie in der Vernetzung einzelner Hirnareale beschrieben. Diese Veränderungen treten jedoch nicht bei allen Menschen mit ADHS auf und eignen sich deshalb nicht zur Diagnose. Sie helfen der Forschung aber dabei, die Erkrankung besser zu verstehen und neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Herkömmliche ADHS-Behandlungen
ADHS lässt sich zwar nicht heilen, die Symptome lassen sich mit der passenden Behandlung jedoch erheblich verbessern. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem vom Alter, der Ausprägung der Beschwerden und möglichen Begleiterkrankungen ab. Häufig werden Medikamente mit einer Psychotherapie, Psychoedukation und Strategien für den Alltag kombiniert. Gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt wird ein individueller Behandlungsplan erstellt.
Stimulanzien und ihre Grenzen
Wenn die Beschwerden den Alltag der Betroffenen stark einschränken, kommen häufig sogenannte Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin zum Einsatz. Sie beeinflussen unter anderem die Signalübertragung der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn und können dadurch Konzentration, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle verbessern.
Viele Menschen profitieren von dieser Behandlung. Dennoch wirken die Medikamente nicht bei allen Betroffenen gleich gut. Manche sprechen nur eingeschränkt darauf an oder erleben Nebenwirkungen wie Appetitverlust, Schlafprobleme oder Nervosität. Auch Begleiterkrankungen können die Auswahl der Medikamente beeinflussen. Regelmäßige Kontrollen sind deswegen bei der Medikation besonders wichtig, um sie auf die Patient:innen einzustellen.
Alternative Medikamente und weitere Behandlungsmethoden
Wenn Stimulanzien nicht infrage kommen oder nicht die gewünschte Wirkung zeigen, gibt es weitere Medikamente, die sich in manchen Fällen als wirksam erweisen. Dazu gehören unter anderem Atomoxetin, das vor allem den Botenstoff Noradrenalin beeinflusst, sowie in bestimmten Fällen Guanfacin. Welche Behandlung geeignet ist, hängt unter anderem von den Symptomen, möglichen Begleiterkrankungen und der individuellen Verträglichkeit ab.
Auch, wenn sich der öffentliche Diskurs bei ADHS häufig nur um die medikamentösen Behandlungen dreht, sollte man nicht außer Acht lassen, welchen Effekt Psychotherapien haben können. Psychoedukation hilft dabei, die Erkrankung besser zu verstehen, während psychotherapeutische Verfahren, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, Strategien für den Umgang mit typischen Herausforderungen im Alltag vermitteln können.
Trotz der verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten sprechen nicht alle Menschen mit ADHS gleichermaßen gut auf die Standardtherapie an. Manche erleben Nebenwirkungen, andere wünschen sich zusätzliche Optionen zur Linderung ihrer Beschwerden. Deshalb wird seit einigen Jahren auch untersucht, ob Cannabinoide wie CBD oder THC bei ADHS eine Rolle spielen könnten.

Cannabinoide und Aufmerksamkeit
Wenn du dich vielleicht schon etwas mit dem Thema Cannabis und ADHS auseinandergesetzt hast, bist du wahrscheinlich bereits damit vertraut, dass es in der Cannabispflanze verschiedene Stoffe gibt, die unterschiedliche Effekte hervorrufen können. Dazu gehören auch die Cannabinoide THC und CBD, die beide in der Forschung zu ADHS untersucht werden.
Beide dieser Cannabinoide haben gemeinsam, dass sie mit dem Endocannabinoid-System unseres Körpers interagieren, das sich auch an der Regulation von Stimmung, Schlaf, Schmerzempfinden, Gedächtnis und Aufmerksamkeit beteiligt. Deshalb untersuchen Forschende seit einigen Jahren auch, ob dieses System bei ADHS eine Rolle spielen könnte.
Hier erfährst du mehr zu ihrer jeweiligen Wirkung und welche Theorien zum Einsatz bei ADHS dahinterstecken.
CBD bei Fokus und Impulsivität
CBD (Cannabidiol) wirkt nicht berauschend und wird unter anderem wegen seiner beruhigenden und angstlösenden Eigenschaften untersucht. Anders als THC bindet CBD nicht direkt an die wichtigsten Cannabinoid-Rezeptoren, sondern beeinflusst das Endocannabinoidsystem auf indirekte Weise. Außerdem scheint es mit weiteren Botenstoffsystemen im Gehirn in Wechselwirkung zu stehen.
Theoretisch könnte CBD deshalb auch Einfluss auf Symptome wie innere Unruhe oder Impulsivität haben. Ob sich daraus tatsächlich ein Nutzen für Menschen mit ADHS ergibt, ist bislang jedoch nicht ausreichend belegt.
THC: Risiken und Nutzen
THC (Tetrahydrocannabinol) ist der psychoaktive Hauptwirkstoff der Cannabispflanze und für die berauschende Wirkung verantwortlich. Es bindet direkt an Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn und beeinflusst dadurch unter anderem die Freisetzung verschiedener Botenstoffe.
Da diese Signalwege auch bei ADHS eine Rolle spielen, wird THC als möglicher Therapieansatz untersucht. Gleichzeitig kann THC unerwünschte Wirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder eine Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen verursachen. Deshalb ist eine ärztliche Begleitung besonders wichtig, wenn medizinisches Cannabis eingesetzt wird.
Cannabis und ADHS: Aktuelle Forschung
Wenn man sich näher mit Cannabis und ADHS beschäftigt, stößt man schnell auf zwei völlig unterschiedliche Aussagen. Die einen berichten, dass Cannabis ihnen hilft, sich besser zu konzentrieren oder innere Unruhe zu lindern. Andere warnen davor, dass es die Symptome sogar verschlechtern kann. Was stimmt denn nun?
Die ehrliche Antwort lautet: Beides lässt sich nicht so einfach beantworten. Genau deshalb beschäftigen sich Forschende seit einigen Jahren intensiver mit dem Thema. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob Cannabis helfen kann, sondern auch wem, wann und unter welchen Voraussetzungen.
Selbstmedikation mit Cannabis
Viele Menschen, die mit ADHS leben, greifen im Zuge eines Versuch der Selbstmedikation irgendwann zu Cannabis, ohne dass es ihnen ärztlich verordnet wurde. Dahinter steckt oft kein Wunsch nach einem Rausch, sondern der Versuch, belastende Symptome selbst in den Griff zu bekommen. Manche berichten, dass sie abends besser abschalten können. Andere fühlen sich ruhiger oder weniger reizbar. Wieder andere haben das Gefühl, sich besser konzentrieren zu können.
Diese Erfahrungen sind ein wichtiger Grund dafür, warum Cannabis bei ADHS überhaupt wissenschaftlich untersucht wird. Gleichzeitig erzählen sie nur einen Teil der Geschichte. Denn was einer Person hilft, muss nicht automatisch auch bei anderen wirken. Außerdem lässt sich aus persönlichen Erfahrungen nicht erkennen, ob tatsächlich Cannabis den Unterschied macht oder ob weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Klinische Studien und Ergebnisse
Bisher zeichnet sich in der Forschung zu medizinischem Cannabis und ADHS ein durchwachsenes Bild ab. Das liegt vor allem daran, dass die Studienlage stark begrenzt ist. Größere, randomisierte Studien, die über einen längeren Zeitraum stattfinden, sind rar.
In einer randomisierten, placebokontrollierte Studie, die medizinisches Cannabis speziell bei Erwachsenen mit ADHS untersucht hat, zeigten sich zwar Verbesserungen bei einigen Symptomen. Das wichtigste Studienziel wurde jedoch nicht erreicht, und nach statistischer Korrektur waren die positiven Effekte nicht mehr eindeutig.
Ein ähnliches Fazit zieht auch ein umfassendes Scoping Review von Francisco et al. (2023). Die Forschenden werteten 39 Studien aus und stellten fest, dass der Großteil der verfügbaren Evidenz aus Beobachtungsstudien besteht. Nur eine einzige randomisierte Studie untersuchte die Wirkung von Cannabis direkt auf ADHS-Symptome. Insgesamt kamen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass die derzeitige Evidenz nicht ausreicht, um Cannabis als Behandlung bei ADHS zu empfehlen. Außerdem unterschieden sich die Studien stark hinsichtlich der verwendeten Cannabisprodukte, der Dosierungen und der untersuchten Endpunkte, was einen direkten Vergleich erschwert.
ADHS-Behandlung bei Releaf DE
Die bisherige Forschung liefert zwar erste Hinweise auf mögliche Vorteile, gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass Cannabis nicht für jede Person die richtige Behandlungsoption ist.
Wenn du eine Behandlung mit Releaf DE in Betracht ziehst, beantwortest du zunächst einen kurzen medizinischen Fragebogen. Darin geht es unter anderem um deine Vorerkrankungen, bisherige Therapien und das Ziel deiner Behandlung. Auf dieser Grundlage prüfen in Deutschland zugelassene Ärzt:innen deine Angaben und entscheiden, ob medizinisches Cannabis für dich infrage kommt.
Genauso wichtig ist, dass du dir der möglichen Risiken bewusst bist. Je nach Präparat können etwa Müdigkeit, Schwindel oder Konzentrationsstörungen auftreten. THC kann bei manchen Menschen außerdem Angstgefühle oder Unruhe verstärken. Deshalb solltest du offen angeben, welche Medikamente du einnimmst, welche Beschwerden du hast und welche Erwartungen du an die Behandlung hast.
Wenn medizinisches Cannabis für dich geeignet ist, erhältst du ein Rezept. Anschließend wird deine Bestellung über eine deutsche Partnerapotheke versendet.
Häufige Fragen zu Cannabis bei ADHS
Kann medizinisches Cannabis ADHS heilen?
ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich derzeit nicht heilen lässt. Medizinisches Cannabis wird als mögliche Behandlungsoption untersucht, wenn Symptome gelindert werden sollen. Die bisherige Studienlage reicht jedoch nicht aus, um Cannabis allgemein als Standardtherapie bei ADHS zu empfehlen.
Können CBD oder THC ADHS-Symptome lindern?
CBD und THC wirken unterschiedlich auf den Körper und das Endocannabinoid-System. Erste Studien untersuchen, ob Cannabinoide Symptome wie innere Unruhe oder Impulsivität beeinflussen könnten. Bisher gibt es jedoch keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass CBD oder THC ADHS zuverlässig behandeln.
Warum nutzen manche Menschen mit ADHS Cannabis zur Selbstmedikation?
Einige Menschen berichten, dass Cannabis ihnen hilft, besser abzuschalten oder innere Unruhe zu lindern. Solche persönlichen Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass Cannabis bei ADHS wissenschaftlich untersucht wird. Sie ersetzen jedoch keine klinischen Studien und lassen keine allgemeingültigen Rückschlüsse auf die Wirksamkeit zu.
Kann Cannabis ADHS-Symptome auch verschlechtern?
Ja, das ist möglich. Manche Menschen berichten von unerwünschten Wirkungen wie Konzentrationsproblemen, Gedächtnisstörungen, Müdigkeit oder verstärkter Unruhe. Wie Cannabis wirkt, hängt unter anderem vom verwendeten Präparat, der Dosierung und der individuellen Reaktion ab.
Kann ich ADHS-Medikamente zusammen mit medizinischem Cannabis einnehmen?
Ob eine Kombination möglich ist, hängt etwa von deinen Medikamenten, deiner Gesundheit und dem eingesetzten Cannabispräparat ab. Setze deine ADHS-Medikamente deshalb nicht eigenständig ab und sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bevor du medizinisches Cannabis einnimmst.
Autoren

Lea Hauke
LinkedInLea Hauke ist zweisprachige Texterin und Spezialistin für Lokalisierung (Deutsch/Englisch) mit Fokus auf klare und präzise Kommunikation in komplexen und regulierten Bereichen. Seit über fünf Jahren unterstützt sie internationale Unternehmen dabei, Inhalte für den DACH-Markt sprachlich und kulturell passend aufzubereiten.
Ihre Erfahrung umfasst unter anderem SaaS, Finanzen, Bildung sowie Inhalte für internationale Zielgruppen im deutschsprachigen Raum. Dabei arbeitet sie an der Schnittstelle von Copywriting und Transcreation, um Inhalte auch bei sensiblen Themen wie Gesundheit verständlich, vertrauenswürdig und markenkonform zu gestalten.
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