Dronabinol: Synthetisches THC als Medikament − Wirkung und Anwendung
Dronabinol: Synthetisches THC als Medikament − Wirkung und Anwendung

Autor
Birgit Spalt-Zoidl

Im Zusammenhang mit medizinischen Cannabis und der Cannabistherapie fällt auch immer wieder der Begriff Dronabinol. Doch was ist Dronabinol überhaupt? Wie wirkt es im Körper und wie wird es in Deutschland zur medizinischen Behandlung eingesetzt? Diese und mehr Fragen beantworten wir in diesem Artikel.
Was ist Dronabinol?
Dronabinol ist der internationale Freiname (INN) für den Arzneimittelwirkstoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol, es handelt sich dabei um den Wirkstoff, der in der Regel gemeint ist, wenn die Rede von THC ist. Aus chemischer Sicht gibt es also keinen Unterschied zwischen Dronabinol und THC.
Synthetischer Wirkstoff VS. pflanzlicher Wirkstoff
Bei Diskussionen über die medizinischen Einsatzgebieten von Cannabis entbrennt über kurz oder lang fast immer eine Debatte über die Vor- und Nachteile von pflanzlichen und synthetischen Wirkstoffen. Viele Menschen sehen keinen Sinn darin, synthetisch hergestellte Wirkstoffe zu nutzen und möchten sich lieber auf das verlassen, was uns die Natur geschenkt hat.
Das ist zwar bis zu einem gewissen Grad verständlich, gerade beim Thema Cannabis aber unbegründet: Synthetisch hergestelltes THC (also Dronabinol) ist, wie oben erwähnt, aus wissenschaftlicher Sicht nämlich exakt dasselbe wie von der Cannabispflanze hergestelltes THC. Es handelt sich bei beiden um Delta-9-THC, welches chemisch gesehen so aussieht:

Dronabinol und Delta-9-THC, kurz THC, sind also völlig identisch und unterscheiden sich nur in ihrer Entstehung: Dronabinol wird im Labor synthetisiert, etwa aus dem in Zitrusfrüchten vorkommenden Terpen Limonen oder aus THC-armem Nutzhanf. Doch auch pflanzliches THC entsteht nicht direkt in der Cannabispflanze – dort kommt nur das nicht bioaktive THCA vor, welches erst durch Erhitzen in das bioaktive Delta-9-THC umgewandelt wird.
Auch wenn THC und Dronabinol also exakt dasselbe sind, gibt es dennoch einen Unterschied in der Art und Weise, wie es im menschlichen Körper ankommt. Wenn du Dronabinol zu dir nimmst, ist das in der Regel ein sogenanntes Isolat, es enthält also keine anderen aktiven Wirkstoffe.
Wenn du THC allerdings in anderer Form zu dir nimmst, etwa über Cannabisblüten oder einen Cannabis-Vollspektrumextrakt, führst du deinem Körper zusätzlich jede Menge andere Wirkstoffe und Terpene zu. Das macht die Wirkung einerseits sehr viel unberechenbarer und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen, ermöglicht andererseits aber auch Wirkstoffkombinationen, die sich gegenseitig ergänzen können.
Wirkungsweise von Dronabinol
Als Cannabinoid wirkt Dronabinol auf das Endocannabinoid-System. Dieses ist ein wichtiger Bestandteil unseres Nervensystems und steuert viele Prozesse im Körper, darunter Schmerzempfinden, Stimmung, Appetit und Schlaf. Spannend ist dabei, dass es zwei Arten von Cannabinoid-Rezeptoren gibt: Die Cannabinoid-Rezeptoren 1 (CB1), welche sich vorwiegend in den Nervenzellen befinden, und die Cannabinoid-Rezeptoren 2 (CB2), welche vorwiegend auf Zellen im Immunsystem zu finden sind.
Cannabinoide wie Dronabinol docken an die Cannabinoid-Rezeptoren an – vorwiegend sind das die CB1-Rezeptoren – und können so auf ganz unterschiedliche Weise wirken: körperliche Entspannung, ist ebenso möglich wie eine veränderte Wahrnehmung und viele andere Effekte.

Darreichungsformen von Dronabinol
Anders als in den USA, wo es unter den Markennamen Marinol (Kapseln) und Syndros (Tropfen) vertrieben wird, gibt es Dronabinol in Deutschland nicht als Fertigarzneimittel. Hierzulande wird das verschriebene Dronabinol in der Apotheke auf Bestellung für Patient:innen vorbereitet und entweder in Form von Kapseln zum Schlucken oder als Tropfen, welche auf ein Stück Brot oder Würfelzucker gegeben und gegessen werden, ausgegeben.
Der Wirkungseintritt erfolgt etwa 0,5–1 Stunde nach der Einnahme von Dronabinol und hält 4–6 Stunden an, wobei sich die maximale Wirkung der verabreichten Dosis etwa 0,5–3 Stunden nach der Einnahme entfaltet.
Weitere Informationen wie die genaue Dosierung und Einnahmeempfehlungen von Dronabinol bekommst du von deinem:deiner behandelnden Arzt:Ärztin, da THC-haltige Arzneimittel immer individuell auf jede:n Patient:in und die jeweiligen Beschwerden sowie die Lebenssituation angepasst werden müssen.
Medizinische Nutzung von Dronabinol in Deutschland
Dronabinol hat vielfältige Einsatzmöglichkeiten in der Medizin: Es kann den Appetit anregen und Übelkeit lindern, was es wirkungsvoll gegen Erbrechen macht. Außerdem kann es Schmerzen reduzieren, Entzündungen hemmen, Muskeln entspannen und eine beruhigende Wirkung auf den Geist haben. Zu den Nebenwirkungen gehören etwa Müdigkeit, Schwindel, Paranoia, Herzrasen oder eine Einschränkung der motorischen Fähigkeiten.
Wie bei jedem anderen Wirkstoff gibt es auch einige Kontraindikationen für Dronabinol. So darf der Wirkstoff nicht bei Personen angewandt werden, die überempfindlich gegenüber Cannabinoiden sind oder bei Personen, die gerade schwanger sind oder stillen. Vorsicht ist auch bei Patient:innen mit psychiatrischen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen geboten.
In Deutschland zugelassene Indikationen
Seit der Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland, welche auch die medizinische Nutzung von Cannabis vereinfacht, wird auch Dronabinol immer häufiger verschrieben.
Die gängigsten Indikationen sind:
- Durch Chemotherapie hervorgerufene Übelkeit und Erbrechen
- Spastizität bei Multipler Sklerose (MS) und Paraplegie (Querschnittslähmung)
- Appetitverlust und Gewichtsabnahme bei AIDS- und Tumorpatient:innen
Ob und wie genau Dronabinol im Einzelfall eingesetzt wird, entscheidet immer dein:e behandelnde:r Arzt:Ärztin. Bei der Anwendung ist allerdings Vorsicht geboten, da Dronabinol auch gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wie Blutverdünnern, Antibiotika, Sedativa, Opiaten, Antiepileptika und anderen in zentralen Nervensystem wirkenden Medikamenten haben kann.

Off-Label-Anwendung von Dronabinol
Abgesehen von den zugelassenen Anwendungen kann es auch vorkommen, dass Dronabinol Off-Label verschrieben wird. Das bedeutet, dass Ärzt:innen Dronabinol zur Behandlung von Krankheiten und Symptomen einsetzen, für die es nicht zugelassen ist – für diese Anwendungsfälle wurde der Wirkstoff also in Studien nicht (ausreichend) getestet, was allerdings nicht bedeutet, dass er nicht helfen kann. Mögliche Off-Label-Einsatzgebiete für Dronabinol sind etwa Schlafstörungen, obstruktive Schlafapnoe, Epilepsie, ADHS und Morbus Crohn.
Bei Off-Label-Anwendungen gilt, dass die Kostenübernahme durch die GKV nicht gesichert ist (außer in der Palliativversorgung) und dass Ärzt:innen Indikation, Dosierung und Therapieverlauf detailliert dokumentieren müssen.
Nebenwirkungen
Als aktiver Wirkstoff hat Dronabinol Nebenwirkungen und Kontraindikationen und es gibt einige Dinge zu beachten. Nimm Dronabinol beispielsweise nicht gemeinsam mit Alkohol ein, da die Kombination mit Alkohol das Auftreten von Nebenwirkungen begünstigen und diese verstärken kann.
Nebenwirkungen von Dronabinol sind beispielsweise:
- Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
- Schwindel, Euphorie, Nervosität, Benommenheit, Stimmungs- und Wahrnehmungsveränderungen
- schneller Herzschlag, Herzklopfen, orthostatische Hypotonie, Flush, allgemeine Schwäche
Bedenke außerdem, dass Dronabinol die Reaktionsfähigkeit beeinflusst, sodass die Fahrtüchtigkeit und die Fähigkeit zum sicheren Bedienen von Maschinen nach der Einnahme eingeschränkt sind – vor allem Letzteres kann sich auch auf deine Berufstätigkeit auswirken.

Kostenübernahme durch die Krankenversicherung
Wenn Dronabinol von Kassenärzt:innen verschrieben wird und diese vorab eine Genehmigung zur Kostenübernahme bei der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) einholen, müssen Patient:innen nur die gesetzliche Zuzahlung von 5–10 € selbst tragen und die GKV trägt den Rest der Kosten für das Medikament. Jeder Antrag auf Kostenübernahme muss von einem:einer Kassenarzt:ärztin gestellt werden und wird individuell geprüft, was einige Wochen dauern kann.
Bei der Verschreibung von Cannabis müssen Ärzt:innen immer zuerst prüfen, ob für deine Indikation ein Arzneimittel wie Dronabinol geeignet ist, da Cannabis-Arzneimittel Vorrang vor Blüten und Extrakten haben. In der Regel wird die Cannabistherapie, egal ob mit Dronabinol oder Cannabisblüten, nur dann genehmigt, wenn eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt und alle Standardtherapien ausgeschöpft sind.
Weitere Infos zur Kostenübernahme einer Cannabistherapie in Deutschland bekommst du in unserem Artikel zum Thema.
Die richtige Dosierung und Sorte zu finden, ist ein individueller Prozess. Bei Releaf kannst du aus einer großen Auswahl medizinischer Cannabissorten wählen und dich über die verschiedenen Behandlungsgebiete informieren. Medizinisches Cannabis wird bei uns unter ärztlicher Begleitung verordnet, digital, unkompliziert und sicher.
FAQ: Dronabinol
Was ist Dronabinol und wie unterscheidet es sich von Cannabis?
Dronabinol ist synthetisch hergestelltes Delta-9-THC (gängig als THC bezeichnet) in seiner isolierten Form. Während THC aus der Cannabispflanze in der Regel gemeinsam mit CBD und Terpenen konsumiert wird, was die Wirkung verändert, enthält Dronabinol nur Delta-9-THC und nichts Anderes.
Bei welchen Beschwerden wird Dronabinol eingesetzt?
Dronabinol wird hauptsächlich gegen Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie, Appetitlosigkeit bei HIV/AIDS, chronische Schmerzen und Spastik bei Multipler Sklerose eingesetzt.
Wie schnell wirkt Dronabinol und wie lange hält die Wirkung an?
Oral eingenommen setzt die Wirkung nach etwa 30–60 Minuten ein und hält 4–6 Stunden an, wobei die maximale Wirkung etwa 0,5–3 Stunden nach der Einnahme eintritt.
Welche Nachteile hat Dronabinol im Vergleich zu Cannabis-Vollspektrumextrakten?
Patient:innen berichten oft, dass Cannabis-Vollspektrumextrakte besser verträglich sind und ein breiteres Wirkungsfeld haben, als es bei Dronabinol der Fall ist. Dieses Phänomen ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Dronabinol nur Delta-9-THC enthält, wohingegen Vollspektrumextrakte zusätzlich CBD und Terpene enthalten, welche ebenfalls auf den Organismus wirken.
Autoren

Birgit Spalt-Zoidl
LinkedInBirgit Spalt-Zoidl ist Übersetzerin, Copywriterin und Tone-of-Voice-Beraterin für große und kleine Firmen. Im Zentrum steht bei ihren Texten und Übersetzungen immer, dass sie für die Leser:innen gut verständlich sind und die Inhalte zu den Zielen sowie der Markenstimme des jeweiligen Unternehmens passen. Sie schreibt leicht lesbare Texte und bereitet komplexe Sachverhalte so auf, dass sie greifbar und klar werden.
redaktionelle Richtlinien
Alle unsere Artikel werden von Expert:innen für medizinisches Cannabis verfasst. Dabei folgen wir strengen Richtlinien zur Quellenrecherche und verweisen auf begutachtete Studien sowie seriöse wissenschaftliche Publikationen. Unser klinisches Expertenteam und unsere Compliance-Spezialist:innen liefern bei Bedarf wertvolle Fachbeiträge, um die inhaltliche Genaugigkeit sicherzustellen.
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Verwandte Artikel
Entdecke hilfreiche Einblicke zu Gesundheit, Wohlbefinden und medizinischem Cannabis in unserem Blog.



